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Geschichte der Rudergesellschaft Undine Rüsselsheim (RGUR)
von 1910 bis 1914 und von 1919 bis 1942

1939

Im Januar wird es schon wieder lebendig bei den Ruderern. Trainer Fritz Brumme holt sich seine Männer vom RVR und der "Undine" zusammen und rüstet für die kommende Saison. Die Devise lautet: "Deutsche Meisterschaft im Achter".

Einen Maskenball der Superlative veranstaltet der Elferrat der Renngemeinschaft RVR/RGUR am 29. Januar 1939 in allen Räumen des "Rüsselsheimer Hofs", wobei die Ruderer der Rüsselsheimer Sportgemeinde zeigen wollen, daß sie auf dem Parkett genau so "vorn dran" sind wie auf der "Strecke". Und auch der Kappenabend am 11. Februar im RVR-Bootshaus ist ein voller Erfolg.

Anzeige in der "Main-Spitze" am 25. Januar 1939

Anzeige in der "Main-Spitze" am 1. April 1939

Anfangs April treffen sich die Rüsselsheimer Ruderer am RVR-Bootshaus zum Anrudern, um gemeinsam das Ruderjahr zu eröffnen. Nach Anhörung der Rede des Reichssportführers und anschließender Flaggenhissung vereinigen sich zahlreiche Boote bei einer imposanten Auffahrt von Flörsheim vorbei am RVR-Bootshaus zum Undine-Bootshaus. Am Abend findet dann in feierlichem Rahmen im RVR-Bootshaus die Verpflichtung von dreizehn Ruderern der Renngemeinschaft, neun Senioren und vier Jungmannen, durch Trainer Fritz Brumme statt. Verpflichtet durch Unterschrift und Handschlag werden Hans Mietzschke, Wilhelm Wolf, Ernst Müller, Karl Schömbs, Adam Breidert, Oskar Fischer, Franz Lieb, Georg Boller, Heinz Hummel, Walter Knauff, Erich Warbach, Edgar Klein und Georg Bastian.

Schöne Erfolge auf den ersten Regatten berechtigen zu großen Hoffnungen, zumal der Rennbetrieb von "Undine" und RVR wieder gemeinsam durchgeführt wird. Nachdem der Rüsselsheimer Achter auf der ersten Regatta in Heidelberg sich hinter Ludwigshafen geschlagen geben muss, kann er auf der zweiten Regatta des Jahres am 10. und 11. Juni 1939, der Badischen Grenzland-Regatta in Karlsruhe, mit Heinz Hummel, Franz Lieb, Karl Schömbs, Georg Boller, Adam Breidert, Ernst Müller, Eric Phelps, Oskar Fischer und Stm. Philipp Wagner schon seine Kampfstärke zeigen. Wir lassen Paul Elschner im "Wassersport" berichten:

Hervorragende Leistung der Rüsselsheimer Renngemeinschaft im Achter

Wohl das interessanteste und schärfste Achterrennen lieferten sich die Senioren vom Ludwigshafener RV mit der Renngemeinschaft Rüsselsheim, denen der Dritte im Bunde, die Junioren des Mannheimer RV Amicitia, im Zweiten Senior-Achter nichts anhaben konnte. Die sieggewohnten und bis unmittelbar vor der Ziellinie führenden Ludwigshafener wurden im letzten Zug mit einem Meter Vorsprung von der im Schlusskampf mächtig auflaufenden Rüsselsheimer Renngemeinschaft bezwungen. Im Rüsselsheimer Renngemeinschafts-Achter wurde nach dem unbefriedigenden Abschneiden in Heidelberg Georg von Opel an den zweiten Schlag der Mannschaft gesetzt, der gemeinsam mit dem bewährten Amateur-Trainer der Mannschaft dieser zum fehlenden Rhythmus und zum härteren Durchriss verhalf. Durch seine Handverletzung musste der Siebenmann in den letzten Tagen vor dem Karlsruher Start vorübergehend ausscheiden und für ihn setzte die Trainingsleitung Eric Phelps ins Boot. Eric Phelps ist zwar schon längere Jahre Mitglied des Rudervereins Rüsselsheim, nichtsdestoweniger löste sein Start in der Mannschaft einiges Befremden aus, weil er der Titelhalter in der englischen Berufsmeisterschaft im Einer ist. Eine Klärung in dieser Angelegenheit, die im deutschen Rudersport bis jetzt einmalig ist, wird in Kürze, d.h. vor dem Start des Rüsselsheimer Achters in Mannheim, erwünscht sein. Der Rüsselsheimer Achter hat sich, ob mit oder ohne Eric Phelps, in den letzten Wochen erheblich verbessert und den angestrebten Anschluss an die erste Klasse gefunden. Den Beweis hierfür lieferte die Mannschaft in dem großen Rennen gegen die Acht der Amicitia. Fast auf dem größten Teil der Strecke lagen die Rüsselsheimer in Front und erst auf den letzten 200 Metern gelang es Mannheim, sich vorzuschieben. Mehr als eine halbe Länge konnte der Sieger gegen die starken Rüsselsheimer allerdings nicht herausholen.

Es folgt die Regatta in Mannheim, wo im Zweiten Achter wieder einmal Ludwigshafen vor Rüsselsheim und dem Mainzer RV siegen kann, am zweiten Tag siegt im ersten Achter die Renngem. Wannsee/Friesen Berlin, die Renngem. Rüsselsheim wird wieder nur zweites Boot. Die Höhepunkte der Frankfurter Regatta eine Woche später sind die beiden großen Achterrennen, denn es geht hier zwischen dem Ersten und dem Zweiten jeweils um Zehntelsekunden. Die erbitterten Begegnungen mit der Renngem. Rüsselsheim als Sieger im Rennen um den neugestifteten Wanderpreis der "Stadt des deutschen Handwerks Frankfurt" und mit Germania Frankfurt, die das Schlussrennen um den "Großen Germania-Preis" gewinnt, zeigen, dass diese beiden mainischen Achter gleichwertig sind. Der Rüsselsheimer Achter startet hier in der Besetzung mit Heinz Hummel (RVR), Franz Lieb (RVR), Karl Schömbs (RVR), Georg Boller (RVR), Adam Breidert (RGUR), 0skar Fischer (RVR), Georg von Opel (RVR), Hans Mietzschke (RVR) und Stm. Philipp Wagner (RGUR), also mit Georg von Opel, so dass dieser vorerst auf Einerstarts verzichtet.

In den beiden "Ersten Achterrennen" der Frankfurter Regatta 1939 liefern sich die Achter der Renngem. Ruderverein Rüsselsheim/Rudergesellschaft Undine Rüsselsheim und der Frankfurter Rudergesellschaft Germania auf der Gerbermühlstrecke einen Kampf auf Biegen und Brechen.

Das nächste Aufeinandertreffen der beiden Seniorachter vom Main erfolgt am 9. Juli auf der Hanauer Regatta im Großen Achter, das nach heftigem Streckenkampf, bei dem Rüsselsheim bei 1.000 Metern schon mit einer dreiviertel Länge führt, mit einem knappen Luftkasten-Sieg (6/10 sec) der auf den letzten 50 Metern wirkungsvoll spurtenden Rüsselsheimer endet. Dann folgt eine Woche später die Regatta in Bad Ems. Die Rüsselsheimer Renngemeinschaft siegt in neuer Besetzung mit Adam Breidert, Oskar Fischer, Georg von Opel, Hans Mietzschke und am Steuer Philipp Wagner im Zweiten Vierer und an beiden Tagen, mit dem wieder gesunden "Undine-Mann" Ernst Müller für Franz Lieb im Boot, im Ersten Achter klar über den Achter des Mainzer RV.

Der Renngem.-Achter RVR/RGUR in der Besetzung der Regatten von Bad Ems und Mainz mit Stm. Philipp Wagner (RGUR), Hans Mietzschke (RVR), Georg von Opel (RVR), Oskar Fischer (RVR), Adam Breidert (RGUR), Georg Boller (RVR), Karl Schömbs (RVR), Ernst Müller (RGUR), Heinz Hummel (RVR)

In Anerkennung seiner Verdienste erhält Trainer Fritz Brumme durch das Fachamt des NS-Reichsbundes für Leibesübungen das Lehrsportabzeichen des NSRL, das nur in ganz seltenen Fällen an Amateurtrainer verliehen wird.

Auf der Mainzer Regatta am 22. und 23 Juli 1939 startet Fritz Brumme mit seinem Achter samstags im Zweiten Achter und siegt überlegen gegen den Mainzer RV und den Limburger RC. Am Sonntag ist das Renngemeinschafts-Boot aus Rüsselsheim dann im Ersten Achter, dem Jubiläums-Achter, dabei. Nach den Vorrennen sind fünf Achtermannschaften am Start: Amicitia Mannheim, die Renngem. Baldeneysee Essen, Germania Frankfurt, die Ungarn aus Budapest und die Renngem. RVR/RGUR. Wir zitieren die "Mainzer Presse" zu diesem Rennen:

Ungarischer Achtersieg im Floßhafen

Der Regattatag näherte sich dem Ende. Die Spannung war bis aufs Höchste gestiegen, denn nach den Vorrennen war man nun allgemein auf das endgültige Abschneiden der Ungarn gespannt. Der Mainzer RV hatte nach dem Abschneiden des Vortages im Jubiläums-Achter zurückgezogen. Nach gleichmäßigem Start aller fünf Boote ging Rüsselsheim leicht in Führung, geriet aber nach 600 Metern mit Germania Frankfurt in Kollision, so dass das Rennen abgebrochen und neu gestartet werden musste. Diesmal klappte es ausgezeichnet. Wieder kamen die Boote gleichmäßig ab, wieder erkämpfte sich Rüsselsheim eine Führung von einer Viertellänge nach 500 Metern. Die Führung wechselte aber dauernd, es entspannten sich heftige Kämpfe. Fast hatte es den Anschein, als ob die Rüsselsheimer in diesem schweren Rennen den Sieg davontragen würden. Dann aber holte Essen auf, lief vorbei. Schon war das Ziel bedrohlich nahe, als die Amiciten mit den Ungarn gleichzeitig zum Endspurt ansetzten. Fünf Mannschaften, von denen kaum eine der anderen nachstand, lieferten sich ein mörderisches Rennen. Der Jubel der Mannheimer, als die Amiciten leicht in Führung gingen, verstummte sofort wieder, denn nun waren die Ungarn an der Reihe. Und sie schafften es. Nur Bruchteile einer Sekunde früher schossen sie (6:01,4 min) vor Mannheim (6:01,5) über die Ziellinie, mit ihrem phantastischen Endspurt einen Eindruck erweckend, den man nach der Niederlage am Samstag nicht mehr erwartet hatte. Dritter wird Baldeneysee (6:03,2) vor Rüsselsheim (6:05,0) und Frankfurt (6:16,2).

Eine Woche später, vierzehn Tage vor dem Deutschen Meisterschaftsrudern in Hannover, startet der Rüsselsheimer Achter noch auf der großen internationalen Wedau-Regatta in Duisburg. Im "Großdeutschland-Achter" trifft Rüsselsheim auf Amicitia Mannheim und verliert mit einer Bootslänge. Allerdings muss der Rüsselsheimer Achter ein fremdes Boot benutzen, in welchem sich die Mannschaft absolut nicht wohl fühlt.

Der Renngemeinschafts-Achter Ruderverein Rüsselsheim/Rudergesellschaft Undine Rüsselsheim bereitet sich in der letzten Woche vor dem Deutschen Meisterschaftsrudern 1939 auf dem Maschsee auf die Meisterschaft vor, hier der Achter vor der Bootshalle des Hannoverschen Ruder-Clubs, vorn Schlagmann Hans Mietzschke

Die Achtermannschaft ist in bester Verfassung und gilt in sportlichen Kreisen als bestes Team im Gau Süd-West. Sechs Achtersiege konnten gegen stärkste Konkurrenz errudert werden. Bereits am Sonntag vor dem Großereignis auf dem Maschsee kommt der Achter der Renngem. RVR/RGUR im Bootshaus des Hannoverschen RC an, so dass die "Niedersächsische Tageszeitung" darüber berichtet:

Meisterschaftsruderer sind fleißig

Diese in Süddeutschland bekannte Mannschaft bildet nicht nur eine Renngemeinschaft sondern auch eine vorbildliche Volksgemeinschaft. Ein Konsul, ein Fleischermeister, verschiedene Handwerker und Kaufleute haben sich hier zu einer Erfolg versprechenden Mannschaft zusammengefunden, die erst letzthin auf der Regatta in Bad Ems den kampfstarken Mainzer RV in zwei Senior-Achterrennen überzeugend schlagen konnte. Diese Siege haben der Mannschaft Mut gemacht. In einem neuen Achter und im eigenen Motorboot, das der Trainer sich eigens zum Zweck der Ausbildung seiner Ruderer mit nach Hannover gebracht hat, werden die Rüsselsheimer in den acht Tagen bis zur Meisterschaft ihre Form verbessern können.

Auf dem spiegelglatten Wasser des Maschsees wird mittlerweile eisern trainiert. Die Rüsselsheimer und die Breslauer beherrschen die Szene. Die Breslauer wurden ebenso wie die Rüsselsheimer hart herangenommen. Vor allem der Amateurtrainer Fritz Brumme, der die Rüsselsheimer Renngemeinschaft betreut, geht mit seinen Männern scharf ins Zeug. Er benutzt diese Tage auf dem Maschsee zum letzten Aufgalopp und hat die Tage vorher seine Ruderer sehr geschont. Kräftige, "gewichtige" Gestalten sind es, die in diesem Achter sitzen − einem neuen Boot übrigens, das an seinem Bug noch keinen Namen trägt. Es wird erst kurz vor dem Start getauft werden, und man kann sich denken, dass dieser Taufakt mit besonderer Feierlichkeit und Liebe vor sich geht, erwarten die Rüsselsheimer doch von diesem schnittigen Boot, dass es sie zum Sieg fährt!

Auf Nr. 7 dieses Bootes sitzt übrigens der bekannte Skuller Georg von Opel (seine Frau ist die bekannte Turnierreiterin). Dieser Achter, der mit seinen 649 Kilo das zweithöchste Gewicht der gemeldeten Mannschaften aufweist, macht im Training einen ganz vorzüglichen Eindruck. Man wird sehr auf ihn zu achten haben; jedenfalls dürfte er mit in die Entscheidung kommen, wenn sein Vorlauf auch äußerst schwer sein wird.

Bei der Meisterschaftsregatta in Hannover am 12. und 13. August 1939 haben zum Achter sechs Boote gemeldet, so dass zwei Vorrennen gefahren werden, jeweils die beiden ersten Boote sind im Finale. Im ersten Vorlauf treffen der RV Amicitia Mannheim, die Renngem. Baldeneysee Essen und die Renngem. RV Rüsselsheim / RG Undine Rüsselsheim aufeinander. Nachdem bis zur 1.000-Meter-Marke Baldeneysee knapp führt, übernimmt die Amicitia mit einem prächtigen Spurt und nach anschließendem harten Streckenkampf die Führung und lässt sich diese nicht mehr nehmen. Essen geht als Zweiter durchs Ziel eine halbe Länge vor Rüsselsheim. Ein enttäuschendes Ergebnis für die Mannschaft der Renngem. RVR/RGUR mit Heinz Hummel, Ernst Müller (RGUR), Karl Schömbs, Georg Boller, Adam Breidert (RGUR), Oskar Fischer, Georg von Opel, Hans Mietzschke und Stm. Schöpf (Ludwigshafen), das erst einmal verdaut werden muss. Das Ziel war ein ganz anderes! Deutscher Meister im Achter des Jahres 1939 wird die Renngem. Baldeneysee gebildet aus Ruderern der Vereine ETUF Essen und Mülheimer RG.

Der Renngem.-Achter RVR/RGUR beim Deutschen Meisterschaftsrudern 1939 in Hannover: Hans Mietzschke (RVR), Georg von Opel (RVR), Oskar Fischer (RVR), Adam Breidert (RGUR), Georg Boller (RVR), Karl Schömbs (RVR), Ernst Müller (RGUR), Heinz Hummel (RVR)

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