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Über Mitglieder des RRK (1998)                                  

Dr. Georg von Opel

Fünf Männer, ein Rad! Die Brüder Carl (1869 - 1922), Wilhelm (1871 - 1948), Heinrich (1873 - 1928), Friedrich (1875 - 1938) und Ludwig (1880 - 1916) begnügten sich nicht mit der Produktion von Fahrrädern und Nähmaschinen. 1899 brachten sie das erste Opel-Automobil auf die Straße. Am 14. Oktober 1998 sind sie in die "Automotive Hall of Fame" in Deaurborn/USA aufgenommen worden.

 

Eine Dynastie eigenwilliger Athleten mit Wagemut und feinen Antennen

Auf dem Fahrrad, mit Raketenwagen, im Flugzeug, auf dem Pferd oder im Ruderboot: Wer was tut, der wird was
 

Von Hans-Joachim Leyenberg (aus "FAZ" vom 28.11.1998)
 

In Erinnerung an Georg von Opel zeichnet die Adam Opel AG unter dem Motto "Die stillen Sieger" besonders engagierte Persönlichkeiten des Sports mit dem "Georg-von-Opel-Preis" aus. Die mit einem Geldbetrag von jeweils mindestens 10.000 Mark verbundenen Preise werden in vier verschiedenen Kategorien an Personen vergeben, "die sich als Aktive oder ehrenamtliche Helfer in außergewöhnlicher Weise und ohne Erwartung materieller Entschädigung den Leistungsprinzipien des Sports sowie seinen sozialen, politischen und humanen Ideen verschrieben haben".

Der Ruderer: Georg von Opel packte mit an und zu.

Eine Tagebucheintragung vom 10. Mai 1925: "An einem Sonntag Siege in vier verschiedenen Sportarten: 1. Sieg meines Vollblüters beim Meeting in Mannheim. 2. Irmgard siegt im Springen in Kassel. 3. Hans gewinnt ein Autorennen in Speyer. 4. Georg erringt den ersten Platz beim Radrennen in Rüsselsheim." Das Tagebuch gehörte Heinrich von Opel, einem der fünf Söhne des Firmengründers Adam Opel. Es gab praktisch nichts in der Welt des Sports, was diese Dynastie ausließ: Die Brüder bildeten einen eigenen Radrennstall, sie stellten mit Raketenautos Hochgeschwindigkeitsweltrekorde auf, spielten formidabel Tennis, es wurde gefochten, Hockey gespielt und geboxt. Die Weltklasseathleten der Familie Opel, noch kurz vor dem Zusammenbruch des Kaiserreiches für ihre Verdienste als Arbeitsplatzbeschaffer in den Adelsstand erhoben, kamen in der nächsten Generation. Verbunden mit den Namen Irmgard von Opel und Georg von Opel. Playboy hätte er werden können oder Workaholic. Er wandte sich in guter, alter Familientradition dem Sport zu.

"Er ist der Schrittmacher modernen sportlichen Lebens überhaupt", hat Paul Laven, der große Sportreporter der Nachkriegszeit, am 29. Mai 1949 in der in Mannheim erscheinenden "Allgemeinen Sportzeitung" über Georg von Opel geschrieben. Laven hat sich als Chronist versucht, ist hinaufgefahren in die Weinberge oberhalb von Ingelheim am Rhein, wo schon Carl Zuckmayer zu Gast war, hat sich auf Schloß Westerhaus faszinieren lassen von den mit ihm am Tisch sitzenden von Opels und hat die Schwierigkeit erfahren, die auch andere bei der Spurensuche empfunden haben dürften: wie einer Epoche, einer Dynastie gerecht werden, für die der Sport zugleich ein Stück Lebensfülle bedeutete und bedeutet?

"Er ist zwei Mal gestorben", sagt Heinz von Opel, eines von vier Kindern Georg von Opels, in Erinnerung an den ersten Herzinfarkt des Vaters mit dem großen Herz für den Sport. Der Infarkt im Jahre 1966 war für den damals vierundfünfzigjährigen Apostel eines Lebens mit und für den Sport, die Vorstufe zum Tod fünf Jahre später. Er, der am Ende des dritten Lebensjahrzehnts fast noch um olympische Ehren gerudert wäre, zur Untätigkeit verdammt? Ein Widerspruch in sich! Seine Devise: Wer Sport treibt, wird was. Er lebte vor, was er propagierte. In der Reduzierung des Sportunterrichts an den Schulen sah er den Anfang des Untergangs der modernen Gesellschaft. Stillstand, die dem Infarktgeschädigten von den Ärzten verordnete Schonhaltung, war ihm ein Graus.

Der Universalsportler machte vom Boxen bis zum Tennis alles. Er war Mitglied in 70 Vereinen, gründete 1951 die Deutsche Olympische Gesellschaft, deren Präsident er bis 1969 blieb, war Präsident des Deutschen Schützen-Bundes, Mitglied im Internationalen Olympischen Komitee und zählte mit Josef Neckermann zu den Mitbegründern der Stiftung Deutsche Sporthilfe. In der Männerfreundschaft unter Sportlern sah er ein Stück Lebensbewältigung. Im Einer, Vierer und Achter trug er sich in die Siegerlisten der deutschen Rudermeisterschaften ein. Allein und mit anderen im Boot das entsprach dem Lebensgefühl eines Jungen, der mit 14 Waise wurde und bei seinem Onkel Heinrich Aufnahme fand. Zu diesem Zeitpunkt hatte er mit dem Rudern begonnen. Als er auf dem Höhepunkt seines Könnens war, kam der Krieg dazwischen. 1948, mit Georg von Opel als dem wohl besten Skuller der Welt, durften die Deutschen bei den Olympischen Spielen in Helsinki nicht mitmachen. Später lief ihm die Zeit angesichts der immer jünger werdenden Konkurrenz davon. Er, den seine Flörsheimer Ruderkameraden nur "Schorschi" nannten, stemmte sich mit der Trainingsfron eines Besessenen gegen die Jahre: Mit Kraftarbeit, Hanteln, Liegestützen. Von Kronberg aus, wo er mit dem Freigehege Opelzoo eine Alternative zu dem von Bernhard Grzimek geleiteten Frankfurter Zoo anlegte, lief er mit mehreren Pullovern übereinander zum Altkönig hinauf und hinunter. Legendär wurden seine Spiegeleierfeten, von denen die Mitglieder "seines" Achters, die sich zuletzt am 27. Mai 1997 fünfzig Jahre nach den ersten gemeinsamen Trainingsstunden trafen, erzählen können. Oder von der Vorliebe "Schorschis" für Steaks, die nach seiner Ernährungslehre von damals Bärenkräfte verliehen. Er spürte dann "Mark in den Knochen". Er gründete 1947 die Opelit-Bootswerft, in der, zum damaligen Zeitpunkt, die besten Rennboote Europas konstruiert und gebaut wurden. Der "liegende Steuermann" - heute eine Selbstverständlichkeit - wurde von Georg von Opel ins Boot "gelegt".

Heinz von Opel - passionierter Reiter sowie Chronist der Familie.

Ausgetüftelt in einer Familientradition, die ihren Anfang in den Nähmaschinen Adam Opels hatte. Neben der Nähmaschinenfabrik ließen die Söhne die Fahrradproduktion anlaufen. Vater Adam hatte das Hochrad erstmals in Paris gesehen. Die Engländer, die es bauten, nannten das Hochrad "Penny-Farthing"; nach ihren kleinsten Münzen, dem Penny, der so groß war wie ein heutiges Fünf-Mark-Stück und dem Viertelpenny "Farthing", der so klein wie ein heutiger Penny war. Die Söhne wollten mit dem Fahrrad fahren, möglichst mit einem eigenen Modell. Man setzte aus England stammende Einzelteile zusammen, erprobte sie und entwickelte "Niederräder" sowie Dreiräder. Kurz nach der Serienreife wurde aus Frankreich der Michelin-Luftreifen importiert, den Opel in Deutschland vertrieb. Erfunden hatte diese revolutionäre Neuerung freilich der Schotte Dunlop, ein Tierarzt. Der Blitz wurde bereits im Fahrrad-Zeitalter zum Symbol für Opel, es gab die Modelle "Opel Blitz" und "Victoria Blitz", die im ganzen Land als "Sicherheitsräder" geschätzt wurden.

Der Rennfahrerdreß, mit dem Carl auf Fotos posierte, erinnerte stark an die aktuelle Mode, die heute auf dem Rad en vogue ist, nämlich hautenge bis zum Knie reichende Hosen und quergestreifte Hemden. Für die Brüder wurde ein Tandem konstruiert, auf dem sie alle fünf fahren konnten. Sie bildeten ihren eigenen Rennstall. Als Carl seine aktive Karriere 1892 beendete, hatte er sich sechzig erste Preise geholt, die anderen sammelten noch mehr Trophäen. Er gewann unter andern den Meistertitel des Großherzogtums Hessen und die Fernfahrt von Basel nach Kleve. Als er zu dem Rennen antrat, wurde er von anderen Startern verulkt, die es ihm nicht zutrauten, die 620 Kilometer lange Prüfung zu bestehen. Er bestärkte sie, indem er sagte, sollte es regnen, würde er sich in die Büsche schlagen. Er fuhr allen davon. Fritz von Opel, der Sohn des Geheimrats Wilhelm von Opel, begann mit dem Radfahren, bestritt Motorradrennen auf Opel-Motorrädern, fuhr 1921 mit dem Auto einen vielbeachteten Sieg auf der Avus heraus - aber Extravaganzen machten ihn populär. Mit dem Motorboot wagte er Ende der zwanziger Jahre von Mainz nach Köln ein Wettrennen gegen den Rheingoldzug. Er erreichte Köln eher als der damals neu eingeführte schnelle Luxuszug. Fritz von Opel machte als einer der ersten auch Raketenversuche und begann mit Autofahrten durch Raketenantrieb. 24 Raketen als Antrieb machten das Auto zum Geschoß: schon nach 2.000 Metern wurden 233 Kilometer pro Stunde gemessen. Danach verlegte er sich aufs Fliegen mit einem Flugzeug. Fritz schoß sich mit dieser Kombination von Flugkörper und Rakete nicht in die Luft, sondern auf den nächsten Acker. Zur Erleichterung von Familie und Freunden überließ er von nun an die Entwicklung von Raketenflugzeugen der einschlägigen Industrie.

Clairelotte Schneider von Opel, die Tochter von Sophie von Opel, der Enkelin von Carl von Opel, machte Geschichte in der Fliegerei. 1927 in Frankfurt geboren, erwarb Clairelotte den Segelflug- und Motorflugschein 1955, nachdem das Verbot dieses Sports für die Deutschen durch die Alliierten aufgehoben worden war. Nach einem kurzen Zwischenspiel in Angola, wo sie, inzwischen mit Werner Trense verheiratet, eine Farm aufzubauen versuchte, wurde sie Ende der sechziger Jahre deutsche Meisterin mit dem Motorflieger. Der Einfachheit halber nannte die Szene sie nur "Mutz". Sie wandte sich der Langstrecken-Fliegerei zu, nahm mit ihrer Kopilotin Brigitte Höck an der Atlantik-Rallye und an der Schwarzmeer-Rallye teil. Jedesmal handelte es sich um "Ausflüge" von rund 9.000 Kilometern, die sich über zwei Wochen hinzogen. Gegen härteste Konkurrenz gewann sie das "All Women's Transcontinental Air Race" quer über den amerikanischen Kontinent, sie war Stammgast aller Rennen der "Pilot's Association". Schon 1976 war "Mutz", die Fliegerin, Mitglied der Traditionsgemeinschaft "Alte Adler" geworden. 1968 wurde sie Präsidentin der Vereinigung Deutscher Pilotinnen, wo sie mit Hanna Reitsch und Elly Beinhorn das Sagen hatte. Cousin Heinz von Opel würdigt die 1984 Gestorbene als einen in vielem "würdigen Sproß der Familie Opel: mutig, temperamentvoll, mit eigenem Weg und Antennen für feine Schwingungen".

"Vor dem Schrei nach 'Rekord' verstummt der Sport. Wenn das Mittel (Lorbeerkranz) zum Zweck (Ruhm, Stellung), und der Zweck (körperliche Übung) zum Mittel (Drill) wird, dann hat sich der Sinn des Ganzen verkehrt. Es war unvermeidlich, daß es so zum sog. 'Berufssport' kommen mußte, eine durchaus unzutreffende Bezeichnung. Sport als Beruf ist kein Sport mehr, sondern Arbeit. Denn Arbeit ist jede Tätigkeit, die man ausüben muß. Und wenn Mark Twain erstaunt feststellt, daß man Tütenkleben als eine Arbeit, die Besteigung des Mont Blanc aber als ein Vergnügen betrachtet, so verwundert er sich darüber zu Unrecht. Der Schwierigkeitsgrad einer Betätigung ist unbedeutend gegenüber der Frage, ob man sie liebt oder nicht. Man liebt jedoch, was man sich selber befiehlt." (Georg von Opel in seinem Buch "Wir rudern durch die Zeit")

In gewisser Weise waren die sportlichen von Opels allesamt Einzelgänger, Tatmenschen, von denen der Weltklasseathlet Georg es am ehesten verstand, andere zu begeistern, mitzuziehen. Mit Neckermann verstand er sich blendend. Willi Daume, der andere große Sportführer, war ihm zu sehr Diplomat, er betrachtete ihn als Gegenspieler. Mit Grzimek verband ihn eine Haßliebe. Aus der Verbindung zwischen Georg von Opel und seiner Cousine, Irmgard von Opel, sind die Kinder Carlo und Heinz hervorgegangen. Die Ehe hatte 14 Jahre Bestand, ehe sich Georg für eine 30 Jahre Jüngere entschied. Irmgard von Opel war der kunstsinnige Part. "Sie war intellektueller als der Vater, die Schriftsteller gingen ein und aus", erzählt Sohn Heinz. Und er erinnert sich an die Karriere einer Reiterin, "die schon sehr früh berühmt war". Sie war die "Schimmelreiterin zwischen den Kriegen", eine, die es ohne Reitlehrer oder Bereiter an ihrer Seite in allen Disziplinen bis an die Spitze gebracht hat. Die Pferde hat sie vom Vater Heinrich übernommen, der das Gestüt Rösler gründete.

1920 vor dem Hippodrom in Frankfurt: Irmgard von Opel auf "Sherif Efendi".

"Europas kühnste Amazone", wie sei seinerzeit tituliert wurde, hängte die Männer ab. Auf Nanuk flog sie über die Bahn von Insterburg bei der großen Vielseitigkeitsprüfung zur Erinnerung an den Prinzen Sigismund. Dort bestand sie die Dressurprüfung, den Geländeritt und das Jagdspringen. 1932 schon hatte sie sich beim Großen Preis von Berlin durchgesetzt. Mit Nanuk gewann sie hier ein sogenanntes Kanonenspringen nach fünfmaligem Stechen gegen 91 Bewerber. Es war der Einbruch in eine bis dahin männliche Domäne. In Insterburg führte die zwölf Kilometer lange Strecke über 45 Hindernisse. In Wien wie in Warschau ließ Irmgard von Opel die besten Reiteroffiziere Europas hinter sich. Im Wiener Prater waren lange Beratungen vorausgegangen, ob eine Frau überhaupt in einer Military starten dürfe. Schließlich stellte man fest, daß in den Satzungen nichts stehe, was die Teilnahme einer Frau ausschließe. Der österreichische Kanzler Dollfuß überreichte den Siegerpreis. Dollfuß wurde wenig später von Faschisten ermordet.

Für Irmgard von Opel war der Trakehner-Schimmel Nanuk die Erfüllung. Mit ihm, der als arrogant und abweisend galt, gewann sie als erste Frau der Welt das Deutsche Spring-Derby in Hamburg, ehe sie sich von 1937 an Rennpferden zuwandte. Sie trainierte Pferde für Reiner Klimke und Hans Günter Winkler, ohne ihr Können an die eigenen Kinder zu vermitteln. "Ihr müßt selbst lernen", hat die 1986 Gestorbene ihnen mit auf den Weg gegeben, so wie sie sich einst die Reiterei aneignete.

Sohn Heinz hat 1978 das Gestüt übertragen bekommen. Einiges ihrer Disziplin, Ausdauer und Härte hat sie an ihn vererbt. Der heute Vierundfünfzigjährige ist 1963 deutscher Meister der Junioren bei den Springreitern geworden, Europameister mit der Mannschaft, ritt Nationenpreise mit Winkler, Fritz Thiedemann, Hermann Schridde, Hartwig Steenken und Alwin Schockemöhle; 1965 ist ein zweiter Platz beim Derby in Hamburg hinter Nelson Pessoa herausgesprungen. 1976 hat der "reine Amateur" umgesattelt auf die Military. Nie seien teure Pferde gekauft worden, "das ist nicht Stil des Hauses". Sein Buch über die "Krone der Reiterei" ist ins Englische, Italienische und Schwedische übersetzt worden. Das macht ihn stolz. Unter seinen vier Kindern ist kein Leistungssportler. Christoph macht eine gute Figur auf dem BMX-Rad, die anderen auf dem Pferd. Es ist wohl auch kein Klima mehr für Karrieren neben den Anforderungen des Berufs und täglichen Lebens wie damals, als Irmgard und Georg von Opel sich im Sport ausleben konnten.

Das Testament Georg von Opels sah vor, daß einer der vier Söhne Zoo und Autohäuser weiterführen sollte; eine Aufgabe, die bis in die späten achtziger Jahre einem Testamentsverwalter oblag. Drei bauten sich früh eine eigene Zukunft auf. Gregor von Opel, der Benjamin der Sippe aus zweiter Ehe, trägt nun Lust und Last dieses Teils des Erbes. In der Dressur hoch zu Pferde hat er es bis zur Intermediaire gebracht. Verheiratet ist er mit Sophia, die 1980 deutsche Eiskunstlaufmeisterin war. Seit dem vergangenen Jahr ist Gregor von Opel Mitglied im Präsidium der Deutschen Olympischen Gesellschaft. Der Apfel fällt somit in vierter Generation nicht weit vom sportlichen Stamm.